Ein Beitrag der BrehmSpace-Redaktion, 07.10.2009
Noch bis vor wenigen Jahrzehnten wurde er als Plage bekämpft, heute ist der Feldhamster in Deutschland vom Aussterben bedroht. Ihre BrehmSpace-Redaktion möchte Ihnen dieses schützenswerte Charaktertier unserer Kulturlandschaft etwas genauer vorstellen - denn wir können nur schützen, was wir kennen.
1. Ein sympathischer Einzelgänger
Buntes Fell, weiße Stupsnase und schwarze Knopfaugen: der possierliche Feldhamster gehörte früher zu den häufigsten Kleinsäugern Deutschlands. Heute steht er auf der Roten Liste und gilt als stark gefährdet. Seiner sprichwörtlichen Neigung zum „Hamstern“ wegen wurde der Nager lange Zeit vom Menschen intensiv verfolgt. Auch sein flauschiger Pelz war ein begehrtes Naturprodukt. Doch vor allem die intensive, mit modernen Maschinen betriebene Landwirtschaft macht dem Hamster das Leben schwer. Da hilft ihm auch sein wehrhafter Mut und seine Vermehrungsfreude nicht viel.
Der Feldhamster wird etwa meerschweinchengroß, hat kurze Beine und einen Stummelschwanz. Der kegelförmige Kopf trägt häutige Ohrmuscheln, große schwarze Augen und eine kurze Schnauze mit langen Tasthaaren. Einzigartig ist seine Färbung. Mit seinem braunen Rücken, den cremefarbenen Flecken an Wangen, Hals und Schultern und den weißen Pfoten gehört er zu den buntesten Erscheinungen in der heimischen Säugetierwelt. Ungewöhnlich ist sein schwarzer Bauch, der sich kontrastreich vom Rücken abhebt. Was aber nützt dem Feldhamster seine so auffällige Färbung? Möglicherweise hat sie eine warnende oder abschreckende Wirkung auf einen herannahenden Feind, etwa ein Hermelin oder einen Fuchs. Schon Tiervater Brehm beschrieb den Feldhamster als ein zwar „leiblich recht hübsches, geistig aber um so hässlicheres, boshaftes und bissiges Geschöpf“. Wird ein Feldhamster nämlich bedroht, und kann er mit seinen kurzen Beinen nicht mehr fliehen, stellt er sich mutig jedem Angreifer. Er richtet sich auf die Hinterbeine und präsentiert seinen schwarzen Bauch mit den hellen Seitenflecken. Dieser Anblick soll dem aufgerissenen Rachen eines Raubtieres ähneln, mit den weißen Pfoten als Reißzähne. Dazu bläst er noch die Backentaschen auf, um größer zu wirken und fletscht seine großen Schneidezähne, die er knirschend hin und her bewegt. Lautes Fauchen und Zischen soll zusätzlich Respekt einflößen. Zeigt sich der Gegner hierdurch noch nicht beeindruckt, springt ihn der Giftzwerg kreischend an. Dieses beherzte Abwehrverhalten hat für den Feldhamster jedoch häufig fatale Folgen. Denn beim Überqueren von Straßen flieht er nicht etwa vor heranrasenden Autos, sondern stellt sich ihnen kampfbereit entgegen. Gegen diesen Goliath hat der zähneknirschende David natürlich keine Chance, und so sterben viele Feldhamster jährlich den Verkehrstod.
1.1. Wühlen und Hamstern – ein Leben unter Tage
Der Feldhamster bewohnt als ausgesprochener Kulturfolger Ackerbaugebiete und erregt daher seit jeher die Missgunst der Menschen. Zumal er Felder mit guten Löß- oder Lehmböden und niedrigem Grundwasserspiegel bevorzugt, in denen er seine verzweigten Baue anlegen kann. Das macht er dort, wo ganzjährig Nahrung und Deckung vorhanden ist, also in Klee- und Luzernefeldern, aber auch in Rüben- und Getreidefeldern. Hamsterbaue sind sehr variabel, umfassen im Grundmuster jedoch eine Wohnkammer, eine Vorratskammer, sowie zwei Ausgänge: eine schrägverlaufende Schlupfröhre, über die die Nahrung eingetragen wird und eine senkrechte Fallröhre, in die sich die Tiere bei Bedrohung flüchten. Von der Wohnkammer können weitere Seitengänge abgehen, in denen teilweise Kot, Urin und Streureste deponiert wird. Grob kann man zwischen Sommer- und Winterbauen unterscheiden. Sommerbaue sind relativ flach und weitverzweigt, während Winterbaue tiefer als einen Meter angelegt sind und meist nur einen Eingang aufweisen, der vor Beginn der Überwinterung geschlossen wird. Komplexe Bausysteme können entstehen, wenn sich zufällig zwei oder mehrere Baue durch Seitengänge verbinden. Ein Großteil des Hamsterlebens findet in den Bauen statt. Hier wird gefressen und geschlafen, hier findet die Paarung und die Jungenaufzucht statt, und nicht zuletzt verbringen die Tiere hier den Winter. Allerdings sind Feldhamster recht unstete Bewohner: Während der Vegetationsperiode halten es Weibchen durchschnittlich etwa einen Monat in einem Bau aus, Männchen gar nur eine Woche. Danach wird umgezogen – entweder in einen neuen oder in einen alten, inzwischen verlassenen Bau. Wenn der Hunger lockt, verlassen die Tiere ihren sicheren Hort und gehen auf Nahrungssuche. Um Fressfeinden wie Füchsen, Dachsen oder Greifvögeln möglichst aus dem Weg zu gehen, geschieht dies gewöhnlich in der Morgendämmerung oder den späten Abendstunden. Im Sommer, wenn die Vegetation zunehmenden Schutz bietet, lassen sich die Nager auch häufiger einmal am Tage blicken. Sie ernähren sich vorwiegend vegetarisch und erweisen sich, was ihre pflanzliche Nahrung angeht, als nicht sehr wählerisch. Abhängig vom jeweiligen Angebot an Feldfrüchten und Wildkräutern stehen Weizen, Gerste, Roggen und Hafer, aber auch Klee, Erbsen, Bohnen, Rüben, Möhren, Gurken und viele andere Pflanzen stehen auf dem Speisezettel. Beim Abernten der Pflanzen bleiben die Hamster meist in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung, wodurch charakteristische, oft mehrere Quadratmeter große Fraßkreise um den Baueingang herum entstehen. Tierische Nahrung verschmähen Feldhamster ebenfalls nicht, auch wenn es sich dabei nur um Beikost handelt. Schnecken, Regenwürmer und Käfer sind dabei ebenso wenig vor ihnen sicher wie Amphibien, Jungvögel und Mäuse. Und – wen wundert es bei der Furchtlosigkeit der kleinen Kerle – selbst Jungkaninchen und Junghasen fallen Ihnen gelegentlich zum Opfer. Große Jagdleidenschaft entwickeln die Tiere dabei aber nicht: zielgerichtetes Verfolgen von Beute konnte bisher nicht beobachtet werden. Vielmehr packen sie einfach alles, was ihnen zufällig vor die Schnauze gerät. Wozu sich auch groß anstrengen, wenn man mitten im Kornfeld hockt? Gefressen wird meist nicht an Ort und Stelle, sondern in der Sicherheit der Wohnkammer. Wozu hat man schließlich große Backentaschen, in denen sich alles bequem transportieren lässt? Bis zu 70 Erbsen finden in den dehnbaren Ausstülpungen der Mundhöhle Platz, das sind etwa 50 Gramm – für ein 500 Gramm schweres Tier nicht schlecht. Das Sammeln und Anlegen von Nahrungsvorräten wird so sehr mit dem emsigen Nagetier in Verbindung gebracht, dass es als „Hamstern“ geradezu sprichwörtlich geworden ist. Im Frühjahr und Sommer werden allerdings nur kleine Mundvorräte in den Bau eingetragen; schließlich herrscht kein Mangel. Im Spätsommer vervielfachen die Hamster dann ihre Sammelanstrengungen, um sich für die entbehrungsreiche Winterperiode zu wappnen. Die durchschnittliche Vorratsmenge beträgt bei den Männchen etwa zwei Kilogramm, die kleineren Weibchen und die Jungtiere tragen weniger ein. Größere Mengen sind die Ausnahme, immerhin wurden in einem Hamsterbau einmal 34 Kilogramm Erbsen gefunden.
1.2. Ab ins mollige Nest
Werden im Herbst die Tage kürzer, verabschieden sich die Feldhamster vom Tageslicht und ziehen sich in ihre mit Streu ausgepolsterten Wohnkammern zurück. Wie Murmeltiere, Siebenschläfer und Igel verbringen Hamster die kalte Jahreszeit in einem Zustand der Lethargie, sie halten Winterschlaf. Während dieser Zeit reduzieren sie ihren Stoffwechsel auf das Notwendigste, um Energie zu sparen. Ihre Körpertemperatur sinkt dabei von normalerweise 37 Grad Celsius auf bis zu 3 Grad Celsius ab. Die Tiere verschlafen jedoch nicht den ganzen Winter. Alle paar Tage wachen sie auf, um sich zu stärken – schließlich haben sie nicht umsonst Vorräte angelegt. Trotzdem ist dieses ständige Aufwachen sehr energieaufwändig und geht nicht spurlos an den Nagern vorüber. Am Ende der etwa sechsmonatigen Winterruhe haben die Tiere bis zu 30 Prozent ihres Körpergewichts verloren.
1.3. Frühlingserwachen
Wenn im Frühjahr Mutter Natur wieder Wärme und Nahrung bietet, erwachen die Feldhamster aus ihrem Winterschlaf. Haben die Tiere erst einmal den erlittenen Gewichtsverlust wieder wettgemacht, heißt es: Paarungszeit. Als ausgesprochene Einzelgänger zeigen sich Feldhamster untereinander wenig verträglich, und so gehen sie sich normalerweise aus dem Weg. Treffen doch einmal zwei Artgenossen aufeinander, kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen, die nicht immer glimpflich ablaufen. Steigt einem Männchen jedoch der Duft eines paarungsbereiten Weibchens in die Nase, vergeht selbst diesem die Streitlust und es begibt sich in den Bau des Weibchens. Nach einem intensiven Vorspiel mit gegenseitigem Beschnuppern findet dann die Paarung statt. In der Regel bleibt das Paar mehrere Tage im Bau zusammen, bis das Weibchen trächtig ist. Dann allerdings ist es vorbei mit der Harmonie und das Weibchen vertreibt das Männchen, das sich schnurstracks auf die Suche nach der nächsten Geschlechtspartnerin macht. Etwa 20 Tage nach der Paarung gebiert das Weibchen vier bis zwölf Junge, die nackt und blind zur Welt kommen. Nach zwei Wochen öffnen die mittlerweile behaarten Junghamster ihre Augen und nach einer weiteren Woche machen sie ihren ersten Ausflug mit ihrer Mutter vor den Bau. Sie werden jetzt nicht mehr nur gesäugt, sondern können bereits selbstständig fressen. Im Alter zwischen drei und vier Wochen endet das harmonische Familienleben und die Jungen verlassen den mütterlichen Hort, um ihre ersten eigenen Baue anzufertigen. Oft behält eines der Jungtiere den alten Bau und die Mutter sucht sich eine neue Unterkunft, wo sie erneut ein paarungsbereites Männchen erwartet. Bis zu drei Würfen kann ein Weibchen so im Jahr produzieren, in Deutschland sind es meistens nur zwei.
1.4. Von Hamstern und Menschen
Das Verhältnis zwischen Mensch und Feldhamster war selten ein freundschaftliches. Der Name Hamster leitet sich aus dem althochdeutschen hamastro ab, was Kornwurm bedeutet. Damit ist schon der Hauptgrund für die Feindschaft angedeutet. Der Feldhamster wurde als Plage und Nahrungsschädling intensiv verfolgt. Vor allem sein Hang zum Hamstern wurde ihm zum Verhängnis. Dabei ist der Mensch selbst ein eifriger Hamsterer und das Anlegen von Nahrungsvorräten zur Überbrückung von Notzeiten ist nichts verwerfliches, sondern eine sinnvolle Einrichtung der Natur. So kam es gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland zu sogenannten Hamsterfahrten in ländliche Gebiete, weil die Versorgung mit Lebensmitteln in den Städten nicht ausreichend war. Besonders während warmer trockener Sommer kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Massenvermehrungen des Feldhamsters. So wurden während einer solchen Massenvermehrung im Jahr 1771 in der Stadtflur Gotha in Thüringen fast 55.000 Hamster erbeutet; im Jahr 1818 waren es im selben Gebiet sogar 112.000 Tiere. Auch die Vorratskammern der Hamster wurden ausgegraben, um mit dem Getreide Brot zu backen. Aber auch seines weichen Pelzes wegen wurde dem Feldhamster nachgestellt. Im 20. Jahrhundert wurde die Hamsterfellverwertung zu einem einträglichen Wirtschaftszweig. In Deutschland lagen die besten Fanggebiete in der Magdeburger Börde und im Thüringer Becken. Ein guter Fänger konnte im Jahr 2.000 bis 4.000 Tiere erbeuten; bei einem Stückpreis von 1,50 DM pro Fell ein einträgliches Einkommen. Richtig an den Kragen ging es dem Feldhamster aber erst im Zuge der Technisierung der Landwirtschaft und dem damit verbundenen Aufkommen von Hochleistungsmonokulturen. Dadurch verschwand die für die Nager so wichtige Diversität an Feldfrüchten. Häufiges Befahren der Felder führt zu Verdichtungen des Bodens, was dem Hamster das Anlegen seiner Baue erschwert oder gar unmöglich macht. Viele Tiere werden direkte Opfer von Pflügen und Mähdreschern. Das Abernten der Felder geschieht heute früher und simultan zum Stoppelumbruch. Dadurch findet der Feldhamster kaum noch Erntereste, um die für den Winter notwendigen Vorräte anzulegen. All dies führte zu einem schleichenden Rückgang der Hamsterdichten. So verschwand der Feldhamster in vielen Teilen Deutschlands fast unbemerkt und gilt heute als eine vom Aussterben bedrohte Art. 1994 wurde er in der Roten Liste der BRD als "stark gefährdet" eingestuft. Heute ist es verboten, Feldhamster zu fangen oder zu töten, sowie dessen Fortpflanzungs- und Ruhestätten zu stören oder zu vernichten.
Sein Ruf als Schädling ist dabei nicht gerade hilfreich, um diese Verbote durchzusetzen. Neben engagierten Schutzprogrammen bedarf es daher eines Umdenkens der Bevölkerung, damit der sympathische Einzelgänger eine Überlebenschance in unserer Kulturlandschaft hat.
2. Der Feldhamster - Ein Portrait
2.1. Systematik
Klasse: Mammalia (Säugetiere)
Ordnung: Rodentia (Nagetiere)
Unterordnung: Myomorpha (Mäuseartige)
Familie: Muridae (Mäuse)
Unterfamilie: Cricetinae (Hamster)
Gattung: Cricetus
Art: Cricetus cricetus (Feldhamster)
Verwandtschaft u.a. mit dem als Haustier beliebten Syrischen Goldhamster (Mesocricetus auratus).
2.2. Kennzeichen
Größe: 20 – 30 cm
Gewicht: 200 – 650 g; Männchen größer und schwerer als Weibchen
Körperbau: Gedrungen, kräftig. Stumpf-kegelförmiger Kopf; große häutige Ohren (gutes Hörvermögen), große schwarze Augen (trotzdem kein gutes Sehvermögen), weiße trockene Nase (guter Geruchsinn), weiße Oberlippe mit Tasthaaren. Kurze, kräftige Beine. 3 – 6 cm langer Stummelschwanz.
Färbung: Ungewöhnlich bunt (möglicherweise mit Warn- und Abschreckfunktion): Braun-gelbes Rückenfell mit schwarzen Haarspitzen. Kopf rotbraun mit weißen bis cremefarbenen Flecken an Wangen, Hals und Schultern. Schnauze, Ohrränder sowie Vorder- und Hinterpfoten weiß. Bauch schwarz.
2.3. Verbreitung
Extrem großes Verbreitungsgebiet (44-59° nördliche Breite, 5-95° östliche Länge). Westlichste Vorkommen in Limburg, im Dreiländereck Deutschland, Niederlande und Belgien zwischen Aachen, Maastricht und Liège. Im Osten bis zum Fluss Jenissej in Sibirien. Im Norden bis zum Oberlauf der Wolga, im Süden bis zur Krim in der Ukraine. Verbreitungsmuster allerdings hochfragmentiert aufgrund der hohen Qualitätsansprüche an den Lebensraum. Verbreitungsschwerpunkte in Deutschland in Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt.
2.4. Lebensraum
Kulturfolger. Feld- und Ackerland mit deckungsreichen Böschungen und Ackerrändern. Bevorzugt formstabile Löß- oder Lehmböden mit niedrigem Grundwasserspiegel.
2.5. Nahrung
Wenig spezialisiert; hauptsächlich Pflanzenkost: Weizen, Gerste, Roggen, Hafer, Klee, Erbsen, Bohnen, Rüben, Möhren, Gurken und viele andere Pflanzenarten. Tierische Beikost aus Schnecken, Würmern, Insekten, Kleinsäugern. Sammelt enorme Nahrungsmengen (durchschnittlich 2 kg pro Tier) als Wintervorrat. Eintragen der Vorräte in den Backentaschen („Hamstern“).
2.6. Lebensweise
Bau: Legt als Wühler unterirdische Baue an, in denen er einen Großteil seines Lebens verbringt. Typischer Bau besteht aus Wohn- und Vorratskammer, Kloakenbereich sowie schräger Schlupfröhre und senkrechter Fallröhre. Baue werden im Jahr mehrfach gewechselt.
2.7. Aktivität
vorwiegend dämmerungsaktiver Einzelgänger. Verteidigt sein Revier außerhalb der Paarungszeit gegen Artgenossen. Im Abwehrfall gegen Feinde eher aggressiv als defensiv. Verteidigt sich mit Drohgebärden, Zischen und Bissen. Winterschlaf: von Spätherbst bis Frühjahr Winterschlaf im verschlossenen Bau. Dabei sinkt Körpertemperatur von 37°C auf 3°C. Regelmäßig Wachphasen zur Futteraufnahme.
2.8. Fortpflanzung
Paarungszeit Frühjahr bis Sommer. Polygames Paarungsverhalten. Weibchen mit 2-3 Würfen mit je 4-12 Jungen pro Saison. Tragzeit ca. 20 Tage. Jungtiere bereits nach 10 Wochen geschlechtsreif. Die Lebenserwartung beträgt durchschnittlich 2 Jahre, in Ausnahmen bis zu 4 Jahre.
2.9. Gefährdungsstatus
Früher als Ernteschädling und Pelzlieferant intensiv verfolgt. Starker Bestandsrückgang in Deutschland durch Lebensraumzerstörung und technisierte Intensivlandwirtschaft. Seit 1994 in der Roten Liste der BRD als „stark gefährdet“, seit 2009 sogar als "vom Aussterben bedroht" eingestuft. Nach der Bundesartenschutzverordnung, Kategorie b, gehört er zu den besonders geschützten Arten und durch die europäische Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie Anhang IV ist er streng geschützt.
3. Der langsame Tod des Feldhamsters – Ein Charaktertier unserer Kulturlandschaft stirbt aus
Der Feldhamster ist seit vielen Jahrhunderten ein Wegbegleiter des Menschen. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten war er in Deutschland so häufig, dass er vielerorts als Plage und Ernteschädling betrachtet und dementsprechend gnadenlos verfolgt wurde. Schuld daran war vor allem sein sprichwörtlicher Hang zum „Hamstern“. Auch seines weichen Pelzes wegen musste er massenhaft sein Leben lassen. Sämtliche Ausrottungsversuche zeigten jedoch geringen Erfolg – zu widerstandsfähig erwies sich der kleine, buntgescheckte Nager, nicht zuletzt aufgrund seiner enormen Vermehrungsrate. Doch was Schlagfallen und Gift nicht schafften, erreicht nun – sozusagen nebenher – der Fortschritt. Die zunehmende Technisierung und Intensivierung der Landwirtschaft hat den Feldhamster ganz langsam, beinahe unmerklich, an den Rand des Aussterbens gebracht. Damit teilt er das Schicksal vieler Wildtiere unserer Kulturlandschaft.
3.1. Ein Kulturfolger breitet sich aus
Der etwa meerschweinchengroße Feldhamster hat in Deutschland bereits früh die Missgunst des Menschen erregt. Dafür spricht schon allein die Ableitung des Namens Hamster vom althochdeutschen hamastro, was soviel wie Kornwurm bedeutet. Sein Verbreitungsgebiet reicht im Westen von Belgien und den Niederlanden über Mittel- und Osteuropa bis an den sibirischen Fluss Jenissej und das nordwestliche China. Ursprünglich war der Feldhamster in den Steppen Osteuropas beheimatet, breitete sich aber im Zuge der Intensivierung der Landwirtschaft nach Westeuropa aus. Als typischer Kulturfolger ist der Feldhamster aufs Engste mit der Entwicklung der Landwirtschaft verknüpft. Mit dem Einzug der Römer fand in Germanien ein Wechsel von der bis dahin üblichen Feld-Gras-Wirtschaft hin zu einer systematischeren Landnutzung statt. Archäologen fanden ein Hamsterskelett aus der Zeit um 250 nach Christus in einem römischen Brunnen im Rhein-Neckar-Raum, der bisher älteste Nachweis des Feldhamsters im deutschen Raum. Im Mittelalter kam die Dreifelderwirtschaft auf, wobei der Feldhamster von der Vielfalt an Nutzpflanzen, dem erstmaligen Angebot von Winter- und Sommergetreide, sowie der Bewirtschaftung der Felder mit einfachstem
Gerät profitierte. Im 18. Jahrhundert erweiterte dann die Trockenlegung von Feuchtgebieten zur Ausweitung der Ackerbauflächen das für den Hamster potentiell besiedelbare Areal. Als Wühler, der im Erdreich weitverzweigte Bausysteme anlegt, ist der Nager auf formstabile Löß- und Lehmböden mit niedrigem Grundwasserspiegel angewiesen. Bracheflächen wurden mit mehrjährigen Futterpflanzen wie Luzerne und Klee bestellt, was dem Hamster zusätzlich zu den Getreidefeldern einen störungsarmen, futter- und deckungsreichen Ausweichslebensraum bot. Die im 19. Jahrhundert weiter verbesserte Dreifelderwirtschaft überbrückte das Brachestadium mit dem Anbau von Raps, Kartoffeln und Rüben, was für den Hamster eine nochmalige Steigerung des Futterangebots bedeutete.
3.2. Mit Gift und Fallen gegen einen Schädling
Diese Faktoren und die weiterhin überwiegend manuelle Feldbearbeitung begünstigten die Ausbreitung des Feldhamsters und das Erreichen hoher Populationsdichten. Speziell trockene und warme Sommer galten als Hamsterjahre. Trockenlegungen und Flurbereinigungen begünstigten zusätzlich ein explosionsartiges Anwachsen der Hamsterpopulationen. Solche Massenvermehrungen führten immer wieder zu erheblichen Ernteschäden, bis hin zu Totalausfällen. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, dass hierauf eine unbarmherzige Antwort erfolgte: Rigorose Bekämpfung des Schädlings. Dem emsigen Nager wurde mit Schlagfallen und Gift nachgestellt. Phosphorwasserstoff, Schwefelkohlenstoff und Blausäure – jedes Mittel war recht. Auch die Hamsterbaue wurden mit Wasser oder Giftschlacken geflutet; meist aber wurden die Vorratskammern ausgegraben und das ausgehobene Getreide für den Eigenbedarf oder als Tierfutter verwendet. Die eingesetzten Methoden erwiesen sich dabei als durchaus effektiv: So wurden während einer Massenvermehrung im Jahr 1771 in der Stadtflur Gotha in Thüringen fast 55.000 Hamster erbeutet, im Jahr 1818 waren es im selben Gebiet sogar 112.000 Tiere. Aber nicht nur seiner Schadwirkung wegen wurde der Feldhamster getötet, auch sein weicher Pelz war begehrt – vor allem als Innenfutter für Mäntel. Im 20. Jahrhundert wurde die Hamsterfellverwertung zu einem einträglichen Wirtschaftszweig. In Deutschland lagen die besten Fanggebiete in der Magdeburger Börde und im Thüringer Becken. Ein guter Fänger konnte im Jahr 2.000 bis 4.000 Tiere erbeuten; bei einem Stückpreis von 1,50 DM pro Fell ein einträgliches Einkommen.
3.3. Das Blatt wendet sich
Natürliche Feinde, Krankheiten und Parasiten, Autoverkehr und selbst die intensiven Bekämpfungsmaßnahmen konnten die Feldhamsterpopulationen zunächst nicht ernsthaft gefährden. Dies lag zum einen an der hohen Vermehrungsrate des Nagers – ein Weibchen kann pro Jahr zwei bis drei Würfe mit je vier bis zwölf Jungen zur Welt bringen, die selbst wiederum im Alter von nur zehn Wochen geschlechtsreif werden. Zum anderen begünstigte die oben beschriebene Feldbewirtschaftung die Ausbreitung des Feldhamsters. Dies änderte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dramatisch. Mit der zunehmenden Technisierung der Landwirtschaft wendet sich allmählich das Blatt für den Feldhamster. Diese zielt mehr und mehr auf die Schaffung großflächiger Monokulturen, die sich maschinell bearbeiten lassen. Schwer zu schaffen macht dem Hamster der damit einher gehende Verlust der Vielfalt an Feldfrüchten, wie auch der Rückgang an Hecken, Böschungen und Feldrainen. Gerade diese als unproduktiv geltenden Landschaftselemente boten den Wühlern jedoch Deckung zum Anlegen ihrer Baue. Häufiges Befahren der Felder führt zu Verdichtungen des Bodens, was dem Hamster das Anlegen seiner Baue zusätzlich erschwert oder gar unmöglich macht. Viele Tiere werden direkte Opfer von Pflügen und Mähdreschern. Die schneller werdenden Arbeitsabfolgen und die Vorverlegung der Ernte verkürzen den Zeitraum, in dem Nahrung verfügbar ist. Der ebenfalls vorverlegte Stoppelumbruch vernichtet zudem die Erntereste, die für den Hamster so wichtig sind, um seine Wintervorräte anzulegen.
4. Schutz und Hilfe für ein Charaktertier
Da der Rückgang der Hamsterdichten schleichend voranging und der Feldhamster ein scheues, nachtaktives Tier ist, wurde der Ernst der Lage lange Zeit nicht bemerkt. Kartierungen zeigten, dass nicht nur die Populationsdichten zurückgegangen waren, sondern auch die räumliche Ausdehnung abgenommen hatte. In vielen Teilen Deutschlands mit ehemals hohen Hamstervorkommen ist die Art heute vom Aussterben bedroht. Seit 1994 wird der Feldhamster in der Roten Liste der BRD als „stark gefährdet“, in der neuen Roten Liste (2009) gar als "vom Aussterben bedroht" geführt. Nach der Bundesartenschutzverordnung, Kategorie b, gehört er zu den besonders geschützten Arten und durch die europäische Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, Anhang IV, ist er streng geschützt. Der Schutz gestaltet sich in der Praxis allerdings schwierig. Da der Hamster ein Bewohner der Kulturlandschaft ist, sollten Schutzmaßnahmen in Absprache mit der Landwirtschaft erfolgen. Eine extensive Feldbewirtschaftung, die Förderung mehrjähriger Viehfutterschläge und eine Erhöhung der Vielfalt der Feldfrüchte wären Lösungsansätze. Einige Bundesländer haben bereits Schutzprogramme ins Leben gerufen, eine länderübergreifende Strategie fehlt bisher allerdings. Ein Umdenken muss
dringend auch in der Bevölkerung stattfinden. Denn solange der Feldhamster immer noch als Schädling angesehen wird, ist mit einer breiten Akzeptanz und Unterstützung von Schutzmaßnahmen nicht zu rechnen. Dabei hat der possierliche Nager mit seinem bunten Fell, seiner Stupsnase und den Knopfaugen alle Voraussetzungen für die Rolle eines Sympathieträgers. Nicht umsonst ist sein kleiner Verwandter, der Goldhamster, eines unserer beliebtesten Haustiere. Und als Jahrhunderte langer Wegbegleiter des Menschen ist der Feldhamster längst ein Teil unserer Kulturgeschichte geworden, der es verdient hat, zu überleben.
Der Feldhamster wird international über die Berner Konvention und über die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie besonders geschützt. Das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) und die Bundesarten-schutzverordnung (BArtSchV) stellten ihn ebenfalls unter besonderen Schutz und die Rote Liste der BRD führt den Feldhamster seit 1994 als stark gefährdete Art. In einigen Bundesländern, etwa in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, ist er sogar vom Aussterben bedroht. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) wählte den possierlichen Nager als Maskottchen und die Schutzgemeinschaft Deutsches Wild kürte ihn zum „Tier des Jahres 1996“ – ein eher trauriger Ehrentitel, der aber mithalf, der Öffentlichkeit den Gefährdungsstatus des Nagers ins Bewusstsein zu rufen. Trotz des rechtlichen Schutzstatus gestaltet sich der Hamsterschutz in der Praxis schwierig. 1999 leitete die EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof ein, in dem es wirksamere Schutzmaßnahmen für den Feldhamster einforderte. Da der Hamster ein Bewohner der Kulturlandschaft ist, sollten Schutzmaßnahmen sinnvollerweise in Absprache mit der Landwirtschaft erfolgen. Als erstes Bundesland begann Sachsen-Anhalt 1995 mit der Umsetzung von Schutzmaßnahmen. Thüringen zog nach und führte von 1998 bis 2004 ein Hamsterschutzprojekt mit elf landwirtschaftlichen Betrieben durch. In beiden Bundesländern wurden mit den Landwirten Verträge über fünf Jahre abgeschlossen. Die Maßnahmen beinhalten den Verzicht auf den Einsatz von Pestiziden, insbesondere Rodentiziden und Herbiziden. Die Bodenbearbeitung ist auf den Zeitraum von Oktober bis April beschränkt und darf nicht tiefer als 25 Zentimeter erfolgen; eine Tiefenlockerung der Böden ist verboten. Da die Winterbaue der Hamster tiefer als einen Meter liegen, werden die Tiere durch diese eingeschränkte Bodenbearbeitung während ihres Winterschlafs nicht gestört. Bei der Ernte müssen zwischen den Mähbreiten Getreidestreifen stehen bleiben, die den Hamstern sowohl Nahrung als auch Deckung bieten. Der Anbau ist auf bestimmte Feldfruchtarten wie Getreide, Hülsenfrüchte und mehrjährige Futterpflanzen beschränkt. Das Anpflanzen von Hackfrüchten, Mais, Tabak, Erdbeeren oder Raps ist nicht gestattet. In Thüringen war jeweils die Hälfte eines von Hamstern bewohnten Feldes auf diese Weise zu bewirtschaften, wofür die Landwirte Förderungen erhielten. Modellberechnungen zeigten, dass die späte Ernte und die eingeschränkte Bodenbearbeitung sich auf das Überleben der Hamsterpopulationen positiv auswirkten. Im Jahr 2005 hat die Deutsche Wildtier Stiftung zusammen mit dem Wildtierbiologen Dr. Ulrich Weinhold in Baden-Württemberg ein Projekt zum Schutz des Feldhamsters ins Leben gerufen. Im Rhein-Neckar-Raum zwischen Mannheim und
Heidelberg befindet sich die letzte vitale Feldhamsterpopulation des Bundeslandes. Im Projektgebiet werden Landwirte für eine „hamstergerechte“ Bewirtschaftung ihrer Ackerflächen honoriert. Die Deutsche Wildtier Stiftung konnte durch Spendengelder bereits 3,9 Hektar Feldhamster-Lebensraum bis zum Jahr 2010 sichern. Auf einem Teil der Fläche wird Luzerne angebaut, die dem Nager ganzjährig Nahrung und Deckung bietet. Auf den übrigen, mit Getreide bewachsenen Flächen bleiben bei der Ernte fünf Meter breite Getreidestreifen stehen; auch diese bieten dem Hamster nach der Ernte Schutz und Nahrung zum Anlegen ihrer Wintervorräte. Auch andere Bundesländer wie Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben den Ernst der Lage erkannt und Schutzprojekte in Auftrag gegeben. Die Maßnahmenbündel sehen auch hier vor, auf Tiefenumbruch und den Einsatz von Rodentiziden zu verzichten, Luzerne- oder Getreidestreifen anzulegen, sowie die Getreidestoppeln bis zum Herbst stehen zu lassen. Erste positive Erfahrungen mit der „hamsterfreundlichen“ Landwirtschaft zeigen, dass es für das Überleben des Feldhamsters in Deutschland noch nicht zu spät ist. Noch aber benötigt der sympathische Nager dringend unsere Hilfe. Wenn auch Sie sich für den Schutz des Feldhamsters einsetzen wollen, finden Sie unter den folgenden Adressen Informationen und Ansprechpartner. (Angaben ohne Gewähr; die Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)
© Dr. Günther Wannenmacher/BrehmSpace-Redaktion 2009
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5. Literatur
Hier erfahren Sie alles Wissenswerte über den Feldhamster:
Ulrich Weinhold, Anja Kayser
Der Feldhamster
Cricetus cricetus
Die Neue Brehm-Bücherei Bd. 625
ISBN: 3-89432-873-8
€ 24,95 / sFr 43,60
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