Ein Beitrag der BrehmSpace-Redaktion, 03/2010
Im Februar, wenn nicht nur Wintermuffel wärmere Tage herbeisehnen, durchbrechen Schneeglöckchen und Krokusse die Schneedecke und die gelben Blüten von Huflattich und Winterling zaubern die ersten Farbtupfer in die noch triste Landschaft. Die Zeit der Frühblüher ist angebrochen. Warum aber blühen einige Pflanzen zu dieser unwirtlichen Zeit und welche Anpassungen befähigen sie dazu?
1. Charakterpflanzen sommergrüner Laubwälder
Frühblüher sind mehrjährige Pflanzen der sommergrünen Laubwälder – in Mitteleuropa werden diese vor allem von der Rotbuche (Fagus sylvatica) gebildet. Da sie ausgesprochen lichthungrig sind, blühen sie sehr früh im Jahr und haben ihre Frucht- und Samenbildung abgeschlossen, wenn das Laub der Bäume austreibt und den Waldboden abdunkelt. Frühblüher besiedeln daher die feucht-gemäßigte (nemorale) Zone mit ihren ausgeprägten Jahreszeiten und einer Jahresmitteltemperatur zwischen 8 und 12 Grad Celsius. Weder die sich südlich anschließende warmgemäßigte (meridionale) Zone, die keine winterliche Vegetationspause aufweist, noch die kaltgemäßigte (boreale), laubbaumfreie Zone im Norden bietet Frühblühern die notwendigen Lebensbedingungen.
2. Unterirdisch durch den Winter
Eine Grundvoraussetzung für mehrjährige Pflanzen unserer Breiten ist es, den Winter überstehen zu können; dies gilt insbesondere für die empfindlichen Knospen. Bäume und Sträucher werfen ihre Blätter im Herbst ab und ihre im freien Luftraum liegenden Knospen schützen sie durch derbe Schuppen. Das bedeutet aber, dass sie erst nach der Frostperiode austreiben können. Mehrjährige krautige Pflanzen hingegen, die sogenannten Stauden, haben ihre Erneuerungsknospen in die Nähe der Bodenoberfläche oder gar unter den Boden verlagert. Selbst bei -30 Grad Celsius Lufttemperatur sinkt die Temperatur unter der Schneedecke nur wenig unter den Gefrierpunkt. Auch die meisten Frühblüher nutzen diese Strategie. Während ihre oberirdischen Abschnitte teilweise oder vollständig absterben, speichern sie ihre Reservestoffe in verdickten unterirdischen Organen. Dies können Wurzel- oder Sprossknollen sein (Scharbockskraut, Hohler Lerchensporn), Rhizome (Huflattich, Busch-Windröschen) oder fleischig verdickte, unterirdische Blätter, sogenannte Zwiebeln (Schneeglöckchen, Märzenbecher).
3. Mit den ersten Sonnenstrahlen
Speicherorgane gewährleisten ein frühes Austreiben und ein schnelles Wachstum. Im Vorfrühling erreicht die Lichtintensität am Waldboden ihr Jahresmaximum und die ersten Sonnenstrahlen erwärmen die Laubstreu rasch auf bis zu 30 Grad Celsius. Ideale Wachstumsbedingungen für unsere Frühblüher. Allerdings blühen nicht alle Arten gleichzeitig, vielmehr wiederholt sich jedes Jahr eine genetisch festgelegte Blütenabfolge. Diese kann beispielsweise so aussehen: Nach den Pionieren im Februar – Schneeglöckchen, Huflattich, Winterling – folgen im März Scharbockskraut, Busch-Windröschen, Leberblümchen, Wald-Gelbstern. Im April und Mai blühen Wald-Bingelkraut, Hohler Lerchensporn, Maiglöckchen, Waldmeister, Bärlauch und Aronstab. Mit dem Laubaustrieb der Rotbuche werden die Frühblüher dann von Sommerstauden wie der Ährigen Teufelskralle und der Türkenbund-Lilie abgelöst.
4. Eine kleine Artenauswahl
Heimische Frühblüher findet man in über zwanzig Pflanzenfamilien. Einige bekannte Arten sollen hier kurz vorgestellt werden. Zahlreiche Frühblüher haben die Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae) hervorgebracht, etwa das zarte Busch-Windröschen (Anemone nemorosa), das bereits im schwachen Wind zu schwanken beginnt oder die Sumpfdotterblume, die Quellen und Gräben säumt. Das Scharbockskraut (Ranunculus ficaria) ist einer unserer häufigsten Frühblüher. Da seine fleischigen Blätter sehr reich an Vitamin C sind, wurde es früher als erstes Grün im Frühjahr gegen Skorbut (alter Name: Scharbock) angewendet. In unseren Gärten ist der Winterling (Eranthis hyemalis) die erste Frühlingspflanze. Darauf deutet schon sein wissenschaftlicher Name hin: Er ist griechisch für Frühling und anthemon heißt Blume, während hiems aus dem Lateinischen kommt und Winter bedeutet. Man kann Eranthis hyemalis also übersetzen mit „Frühlingsblume im Winter“.
Der Hohle Lerchensporn (Corydalis cava) aus der Familie der Erdrauchgewächse (Fumariaceae) ist in seiner Verbreitung eng an die Rotbuche gebunden. Seine roten oder weißen Blütentrauben findet man von März bis Mai in Buchenwäldern.
Auch unter den Rosengewächsen (Rosaceae) gibt es einige heimische Frühblüher, etwa die wegen ihrer aromatischen Früchte beliebte Walderdbeere (Fragaria vesca) und das Frühlings-Fingerkraut (Potentilla verna), das Wegränder und Böschungen mit lockeren Teppichen überzieht.
Der Wald-Sauerklee (Oxalis acetosella) aus der Familie der Sauerkleegewächse (Oxalidaceae) ist eine Ausnahme unter den ansonsten sehr lichtbedürftigen Frühblühern. Er ist im Gegenteil unsere schattenverträglichste heimische Blütenpflanze und gedeiht noch im Dämmerlicht von Nadelwäldern. Die sauer schmeckenden (griechisch oxys = sauer, lateinisch acetosus = essigsauer) Blätter können als Salat verwendet werden, sind aber wegen des hohen Oxalsäure-Gehalts gesundheitsschädlich. Bei hohen Dosen drohen Lähmungserscheinungen und Nierenschäden.
Ebenfalls einzigartig ist der Seidelbast (Daphne mezereum) aus der Familie der Seidelbastgewächse (Thymelaeaceae). Als einziger Strauch unter den heimischen Frühblühern hat er keine unterirdischen Speicherorgane, vielmehr speichert er die Reservestoffe im Holzkörper.
Unter den Veilchengewächsen (Violaceae) erfreut uns das März-Veilchen (Viola odorata) mit seinen wohlriechenden dunkelvioletten Blüten, während das hellviolette Wald-Veilchen (Viola reichenbachiana) etwas später und duftlos blüht.
Die Primelgewächse (Primulaceae) enthalten ebenfalls zwei bekannte Frühblüher: Die schwefelgelb blühende Hohe Schlüsselblume (Primula elatior) feuchter Wiesen, Wälder und Bachufer und die Wiesen-Schlüsselblume (Primula veris) mit dottergelben Röhrenblüten. Auf die frühe Blühzeit verweist auch hier der lateinische Name (prima = die Erste, ver = Frühling).
Das Wiesen-Schaumkraut (Cardamine pratensis), ein Kreuzblütler (Brassicaceae), ist eine typische Pflanze feuchter Wiesen und ist auch in Auwäldern und nährstoffreichen Laubwäldern zu finden. Seinen Namen hat es vermutlich vom häufig an ihm zu findenden „Kuckucksspeichel“. Dabei handelt es sich um die Schaumnester der Larven von Schaumzikaden, die an den Pflanzenstängeln saugen. Auch die Raupe des Aurorafalters (Anthocharis cardamines) frisst an der Pflanze; sie bevorzugt die Früchte des Wiesen-Schaumkrauts.
In die riesige Familie der Rötegewächse (Rubiaceae), die mit 7000 Arten hauptsächlich tropisch verbreitet ist, gehören wirtschaftlich bedeutende Vertreter wie Kaffee (Gattung Coffea) und Chinarindenbaum (Gattung Cinchona) oder beliebte Zierpflanzen wie die Gardenie (Gattung Gardenia). Es findet sich in deren Verwandtschaft jedoch auch ein heimischer Frühblüher, der Waldmeister (Galium odoratum). Dessen leuchtend-weiße, duftende Blüten sind charakteristisch für unsere Buchenwälder. Die wenige Millimeter großen, kugeligen Früchte tragen hakige Borsten, die im Fell von Tieren hängen bleiben und so verbreitet werden. Waldmeister wurde früher in der Kräuterheilkunde und noch heute als Gewürz für Maibowle verwendet. Das charakteristische Aroma entsteht durch Cumarine, die in hohen Dosen giftig sind, weswegen deren Verwendung in kommerziell vertriebenen Speisen in Deutschland seit 1981 verboten ist.
Ein ungewöhnlicher Frühblüher ist die Schuppenwurz (Lathraea squamaria). Der Rachenblütler (Familie Scrophulariaceae) besitzt kein Blattgrün (Chlorophyll) und kann daher die benötigten organischen Substanzen nicht durch Ausnutzung von Lichtenergie aufbauen. Stattdessen betätigt sich die Schuppenwurz als Parasit und zapft mit speziellen Wurzelorganen das Wasserleitsystem von Gehölzpflanzen wie Haselnuss (Corylus avellana) und Schwarzerle (Alnus glutinosa) an. Ihre Blüte- und Hauptwachstumszeit liegt im März bis Mai, wenn die Wirtspflanzen ihre Reservestoffe von den Wurzeln nach oben transportieren.
Unter den Korbblütlern (Asteraceae), der größten Blütenpflanzen-Familie mit weltweit 25.000 Arten, finden sich nur zwei heimische Frühblüher. Die Gemeine Pestwurz (Petasites hybridus) säumt nährstoffreiche Bach- und Flussufer. Ihre weißen bis schmutzig-roten Blütentrauben verströmen einen leicht unangenehmen Geruch. Die großblättrige Pflanze wurde in der Antike und im Mittelalter als „Pestilenzienwurz“ angewandt, wobei jedoch nicht die Pest, sondern allerlei Krankheiten wie Magen-Darmbeschwerden, Wurmbefall und Fieber gemeint waren. Heute ist sie aufgrund ihrer Wirksamkeit gegen Migräne Gegenstand der Forschung, wobei jedoch Wirkungsweise und Wirkstoffe noch nicht befriedigend aufgeklärt sind. Der andere frühblühende Korbblütler ist der bereits erwähnte Huflattich (Tussilago farfara). Er besiedelt oft in großen Herden offene, gestörte Stellen wie Wegränder, Schuttplätze und Böschungen. Huflattich ist ein altes Hausmittel gegen Husten (lateinisch tussis = Husten, agere = vertreiben).
Ebenfalls bereits erwähnt wurden zwei Frühblüher aus der Familie der Narzissengewächse (Amaryllidaceae), das Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) und der Märzenbecher (Leucojum vernum). Auch bei diesen gilt wieder nomen est omen: das lateinische nivalis bedeutet Schnee und vernum ist von ver = Frühling abgeleitet.
Die artenreichen Liliengewächse (Liliaceae) bilden meist unterirdische Speicherorgane wie Zwiebeln, Rhizome oder Knollen aus und so verwundert es nicht, dass man in dieser Familie zahlreiche Frühblüher findet. Der Bärlauch (Allium ursinum) bildet in Laubwäldern ausgedehnte Bestände aus Tausenden Einzelpflanzen. Wegen seines intensiven knoblauchähnlichen Geruchs kann man ihn schon mit geschlossenen Augen wahrnehmen. Der Wald-Gelbstern (Gagea lutea) hingegen besiedelt nicht nur Laubwälder, sondern auch Gebüsche, Gärten, Wiesen und Weinberge. Der Dolden-Milchstern (Ornithogalum umbellatum) wurde ursprünglich als Zierpflanze aus Südeuropa und Asien eingeführt und ist mittlerweile vielerorts verwildert. Ebenfalls ein „Gartenflüchtling“ ist das Maiglöckchen (Convallaria majalis). Dank seiner weitverzweigten Speicherrhizome bildet es meist dichte, große Bestände. Es bevorzugt Kalkuntergrund und wächst gerne in Tälern, worauf sein Name hinweist: das lateinische convallis bezeichnet einen hohlen Talkessel. Im Englischen heißt das Maiglöckchen „Lily of the valley“.
5. Faszinierendes Mit- und Gegeneinander: Frühblüher und Insekten
Frühblüher blühen zeitig im Jahr und meist nur kurz. Für ihren Erfolg ist nicht nur die schnelle Mobilisierung von Reservestoffen aus unterirdischen Speicherorganen maßgeblich, sondern auch die Ausbildung effektiver Bestäubungsstrategien. Da die Rolle des Bestäubers insbesondere bei den Frühblühern meist von Insekten übernommen wird, haben sich zahlreiche faszinierende Wechselbeziehungen zwischen den beiden Partnern entwickelt. Nur einige seien hier genannt.
Die meisten Blüten locken Insekten mit Nektar an. Viele Hahnenfußgewächse bieten die zuckerhaltige Flüssigkeit in speziellen Nektar- oder Honigblättern an. Dabei handelt es sich um Staubblätter, an deren Grund sich eine Nektardrüse befindet. Beim Winterling sind sie tütenförmig gebaut und sitzen zwischen den Kronblättern und den normal ausgebildeten Staubblättern. Die Grüne Nieswurz (Helleborus viridis), ebenfalls ein Hahnenfußgewächs, bietet seinen Bestäubern den Nektar in eingerollten Kronblättern an. Die Kronblätter des Wald-Sauerklees produzieren ebenfalls Nektar, der besonders auf kleine Fliege und Käfer anziehend wirkt.
Veilchen lagern ihren süßen Lockstoff in 3 bis 5 Millimeter langen Spornen. Bienen, die mit ihren Rüsseln davon trinken wollen, müssen sich auf den Staubblättern niederlassen, wobei sie sich mit Pollen einstäuben, den sie dann zur nächsten Blüte tragen. Noch längere nektarführende Sporne hat der Hohle Lerchensporn, entsprechend reichen auch nur langrüsslige Insekten wie Schmetterling und Hummeln an den Nektar heran. Allerdings gibt es auch kurzrüsslige Trickbetrüger, die die Sporne kurzerhand anknabbern und sich so der Bestäuberpflicht entziehen.
Beim Wiesen-Schaumkraut bilden die unteren schmalen Abschnitte der Kronblätter mit dem Kelch eine Röhre, während die oberen zungenförmigen Abschnitte rechtwinklig abstehen. Auf dieser sogenannten Stieltellerblüte landen besonders gerne Schmetterlinge, um Nektar zu tanken.
Schlüsselblumen haben zwei Blütenformen, die man stets bei getrennten Pflanzen findet: Blüten mit langen Griffeln (weibliche Geschlechtsorgane) und kurzen Staubblättern (männliche Geschlechtsorgane) sowie kurzgrifflige Blüten mit langen Staubblättern. Insekten, die oben auf der Blüte sitzen, übertragen Pollen von kurzgriffligen auf langgrifflige Blüten, während umgekehrt Insekten, die am Röhrengrund nach Nektar suchen, den Pollen von langgriffligen Pflanzen auf die Narben von kurzgriffligen Blüten übertragen. Auf diese Weise wird die Fremdbestäubung gefördert, was eine wichtige Voraussetzung für guten Samenansatz ist, wie bereits Charles Darwin herausfand. Dieselbe Strategie findet man auch beim Echten Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) aus der Familie der Raublattgewächse (Boraginaceae).
Zwei Frühblüher, die ganz auf die Bestäubung durch Fliegen spezialisiert sind, verdienen noch Beachtung. Die Einbeere (Paris quadrifolia), ein Liliengewächs, lockt mit ihren duft- und nektarlosen Blüten Fliegen an, indem deren wie flüssig aussehende Fruchtknoten verwesendes Aas imitieren. Noch raffinierter geht der Gefleckte Aronstab (Arum maculatum) aus der Famile der Aronstabgewächse (Araceae) vor. Ein bis zu 20 Zentimeter langes, tütenförmiges Hochblatt umschließt den unteren Teil des violett-braunen Kolbens. Der freie Kolbenteil ist nackt, der umschlossene Abschnitt trägt zahlreiche kleine Blüten: oben sitzen die männlichen, unten die weiblichen Blüten; oberhalb der männlichen Blüten sitzen noch einige Kreise steriler Blüten mit Haaren. Der Blütenstand funktioniert als Gleitkesselfalle. Durch den Aasgeruch der Blüten angelockte Fliegen rutschen am glatten Hochblatt ab und fallen in den geschlossenen Teil der Blüte. Durch die Reusenhaare der sterilen Blüten werden sie am Entkommen gehindert. Mit mitgebrachtem Pollen bestäuben sie die weiblichen Blüten. Während der Gefangenschaft werden die Fliegen mit zuckerhaltigen Tropfen aus den Narben ernährt. Nach etwa 24 Stunden wird das Hochblatt wieder begehbar, weil die glatten Schuppen an der Oberfläche schrumpfen und faltig werden. Die Fliegen können entkommen und andere Individuen bestäuben. Selbstbestäubung wird dadurch verhindert, dass die männlichen Blüten einer Pflanze erst reifen, wenn die weiblichen verblüht sind.
Auch bei der Verbreitung der Samen wirken häufig Insekten mit. Speziell bei den waldbewohnenden Frühblühern sind dies Ameisen, so dass man von Ameisenverbreitung (Myrmekochorie, von griechisch myrmekos = Ameise und chorizein = verbreiten) spricht. Hierzu dienen warzenartige Anhängsel der Samen, die sogenannten Elaiosomen. Dies sind protein- und fettreiche Fraßkörperchen, die Lockstoffe enthalten. Die Ameisen tragen derartige Samen in ihre Baue ein, trennen die wohlschmeckenden Elaiosomen ab und entledigen sich der uninteressanten Samen. Frühblüher, die diese Art der Samenverbreitung nutzen, sind zum Beispiel Leberblümchen (Hepatica nobilis), Hohler Lerchensporn, Haselwurz (Asarum europaeum), März- und Wald-Veilchen, Echtes Lungenkraut und Schneeglöckchen.
Nicht alle Insekten machen sich als Bestäuber oder Verbreiter von Samen nützlich. Viele Arten schädigen die Pflanzen durch Befressen. Die meisten von Pflanzen produzierten Gifte haben ihren biologischen Sinn in der Abwehr solcher Schädlinge. Da im zeitigen Frühjahr die Auswahl an Fraßpflanzen noch nicht sehr groß ist, haben gerade unter den Frühblühern viele Arten einen chemischen Schutz entwickelt. Viele dieser Gifte können auch Säugetieren und dem Menschen gefährlich werden. Das Cumarin des Waldmeisters, mit dem wir unsere Maibowle würzen, führt in hohen Dosen zu inneren Blutungen, weshalb es in Rattengiften Verwendung findet. Ebenfalls stark giftig ist die Knolle des Hohlen Lerchensporns, dessen Alkaloide schädigen das zentrale Nervensystem. In der Rinde des Gewöhnlichen Seidelbasts ist Daphnetoxin und in den Samen Mezerein enthalten. Eine Giftaufnahme ist auch über die Haut möglich. Neben einem Zerfressen der Haut kommt es zu schweren Schäden der Niere, des Kreislaufs und des zentralen Nervensystems. Bereits 10 Beeren können für Kinder tödlich sein. Einen besonderen Giftcocktail hält das Maiglöckchen parat. Alle Pflanzenteile sind aufgrund der enthaltenen Glykoside stark toxisch und führen zu Übelkeit und Herzrhythmusstörungen; selbst das Blumenwasser kann giftig sein. Andererseits werden Maiglöckchenpräparate in der Medizin gegen bestimmte Herzleiden eingesetzt. Einem anderen Inhaltsstoff, dem Farnesol, verdankt das Maiglöckchen seinen aromatischen Duft. Die Substanz kommt auch in Anis, in Rosen und in Jasmin vor und wird industriell zur Parfumherstellung verwendet. Biologisch erfüllt Farnesol allerdings eine ganz andere Aufgabe – es wirkt als natürliches Insektizid. Die Substanz ist chemisch betrachtet ein Abkömmling eines Insektenhormons, des sogenannten Juvenilhormons, das die Entwicklung der Insekten beeinflusst. Frisst etwa eine Raupe am Maiglöckchen, löst das Farnesol zusätzliche Häutungen aus, was häufig zu Missbildungen führt, so dass sich die Raupe nicht zum erwachsenen Schmetterling weiterentwickeln kann.
6. Heimische Frühblüher im Garten
Da Frühblüher schon zeitig im Jahr ihre Farbenpracht zeigen, wurden sie bereits in mittelalterlichen Klostergärten sowie Schloss- und Parkanlagen gepflanzt. Auch heute noch sind sie als Gartenpflanzen sehr beliebt. Unter den heimischen oder verwilderten Arten sind dies zum Beispiel Haselwurz, Maiglöckchen, Hohler und Gefingerter Lerchensporn, Winterling, Dolden-Milchstern, Zweiblättriger und Sibirischer Blaustern, Kleines Immergrün sowie März-Veilchen.
Bei wildwachsenden Exemplaren ist darauf zu achten, dass manche Arten durch die Bundesartenschutzverordnung geschützt sind, was bedeutet, dass man sie nicht Pflücken oder ausgraben darf. Dies gilt für den Gemeinen Seidelbast, Stinkende und Grüne Nieswurz, Leberblümchen, Märzenbecher, Wiesen- und Hohe Schlüsselblume sowie Schneeglöckchen.
Selbstverständlich haben auch unzählige fremdländische Frühblüher Einzug in unsere Gärten gehalten, die hier nicht alle aufgezählt werden können. Exemplarische seien genannt: Gartenhyazinthe (Hyazinthus orientalis), Trauben- oder Perlhyazinthe (etwa 50 Arten der Gattung Muscari), Schneestolz (Chionodoxa luciliae), Gelbe Narzisse oder Osterglocke (Narcissus pseudonarcissus) und Dichter-Narzisse (Narcissus poeticus). Safran (Crocus sativus) ist eine alte Nutzpflanze, die ursprünglich aus Griechenland und dem Orient stammt. Genutzt werden die orangerot gefärbten Narben. Sie werden aus den violett bis purpurn gefärbten Blüten gepflückt, getrocknet und als Gewürz, Farbstoff und Arzneimittel eingesetzt. Der Name Safran leitet sich vom persischen za'faran – „sei gelb“ – ab.
7. Frühblüher in der mittelalterlichen Signaturenlehre
Viele Pflanzen fanden bereits im Mittelalter als Heilkräuter Verwendung. Grundlage hierfür war allerdings häufig nicht die genaue Kenntnis der Wirkungsweise als vielmehr die Berufung auf die sogenannte Signaturenlehre. Diese besagt, dass Pflanzen Kennzeichen (Signaturen) tragen, die verraten, welche Krankheiten sie heilen können. Von Form und Farbe, Geruch und Geschmack wurde auf ihre Wirkung geschlossen. Schon die Kräutermedizin der Kelten und Germanen sowie die Indianermedizin basierten auf diesem Prinzip, und auch die alten Ägypter kannten die Signaturenlehre. Eine christliche Deutung erfuhr die Signaturenlehre im europäischen Mittelalter. Demnach waren die Signaturen von Gott geschaffene Hinweise, die es dem Menschen ermöglichen, die Wirkungen der Pflanzen zu erkennen und zu deuten. Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, der Anfang des 16. Jahrhunderts an der medizinischen Fakultät der Universität Basel lehrte, brachte die Signaturenlehre erstmals in ein System. Seiner Lehre liegt das Prinzip „Similia similibus curentur“ (Gleiches heilt Gleiches) zugrunde.
Auch unter den Frühblühern gibt es Arten, auf die die Signaturenlehre angewandt wurde. So sollte das Leberblümchen seiner leberähnlichen Laubblätter wegen gegen Leberleiden helfen und die Milzkraut-Arten (Gattung Chrysosplenium) aus demselben Grund gegen Milzerkrankungen. Da die weißgefleckten Laubblätter des Lungenkrauts die Menschen an Lungenbläschen erinnerten, wurde es gegen Lungenkrankheiten eingesetzt, und die feigenartigen Wurzelknollen des Scharbockskrauts entsprechend gegen (Feig)-Warzen.
8. Göttliche Zeichen: Frühblüher in der Pflanzensymbolik
Pflanzen spielen seit jeher eine große Rolle, wenn Gefühle ausgedrückt oder Botschaften übermittelt werden sollen. Noch heute lässt man „Blumen sprechen“, sagt etwas „durch die Blume“ oder redet „unverblümt“. Auch einige Frühblüher haben oder hatten symbolische Bedeutung.
Als zarte Pflanzen mit kurzer Blütezeit galten Anemonen als Sinnbild für Abschied und Vergänglichkeit. Der Ursprung der Symbolik liegt im Mittelmeerraum bei der dort häufigen Kronen-Anemone (Anemone coronaria). Ihre roten Blüten sollen aus den Tränen der Aphrodite entstanden sein, die den Tod ihres geliebten Adonis beweinte, der von einem vom eifersüchtigen Apoll geschickten Eber getötet wurde. Aus dem Blut des Adonis soll das ähnliche Herbst-Adonisröschen (Adonis autumnalis) hervorgegangen sein. In der christlichen Symbolik erinnerte die rote Kronen-Anemone an den Tod Christi und der Märtyrer.
Die Christrose (Helleborus niger), auch Schneerose oder Schwarze Nieswurz genannt, war ein Symbol für ein langes und erfülltes Leben. Aufgrund ihrer Blüte im Winter sollte sie gegen Kälte und Krankheit schützen. Blühte sie pünktlich zur Weihnachtszeit, war ein gutes und fruchtbares Jahr zu erwarten. Über die Stalltür gehängt sollte sie das Vieh vor Seuchen schützen.
Leberblümchen und Walderdbeere galten wie Akelei und Klee wegen ihrer Dreiblättrigkeit oder dreiteiligen Blätter als Zeichen für die göttliche Dreifaltigkeit. Die weißen Blüten der Walderdbeere symbolisierten Reinheit und Keuschheit, ihre roten Beeren wurden als Himmels- oder Paradiesfrüchte angesehen und tauchen auf vielen historischen Gemälden auf.
Safran galt seiner goldgelben Farbe wegen als Symbol für Gold und damit als Symbol der höchsten Tugend, der Liebe. Er soll aus einem Jüngling entstanden sein, der von Aphrodite in eine Blume verwandelt wurde, weil er ein schönes Mädchen verschmäht hatte.
Die weißen Blüten der Madonnen-Lilie (Lilium candidum) und der Königs-Lilie (Lilium regale) stehen für die Reinheit des Herzens. In der christlichen Überlieferung sind sie Symbol der unbefleckten Empfängnis. Diese Symbolik wurde teilweise auf das Maiglöckchen (Marienglöckchen, Marientalblume) übertragen, das zudem für Liebesglück steht. Im Mitelalter dachte man, es sei aus den Tränen Marias unter dem Kreuz entstanden, daher auch der Name „Frauträne“.
Narzissen gelten als Symbole für Tod, Auferstehung und Wiedergeburt, vor allem Osterglocken. In der griechischen Mythologie war Narkissos ein bildhübscher Jüngling, der in sein eigenes Spiegelbild verliebt war.
Die Primel soll wegen ihres schlüsselförmigen Blütenstandes verschlossene Türen öffnen. Sie ist ein Zeichen für die Auferstehung Christi und soll den Schlüssel zum Himmel bereithalten. Die Seele des Sünders, der sie an seinem Weg findet, soll gerettet werden.
Das März-Veilchen schließlich stand für Demut und Bescheidenheit. Ihre Vermehrung über Ausläufer galt den Menschen des Mittelalters als Symbol für die Ausbreitung des Christentums und als Zeichen für Zielstrebigkeit und Zähigkeit.
© Dr. Günther Wannenmacher/BrehmSpace-Redaktion 2010
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9. Literatur
Hier erfahren Sie alles Wissenswerte über die Frühblüher:
Peter Rüther
Frühblüher
Heimische Arten im Überblick
Die Neue Brehm-Bücherei Bd. 661
1. Auflage von 2008
136 S., 38 SW-Abb., 73 Farb-Abb.
ISBN:3-89432-916-5
€ 24,95 / sFr 43,70
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